Einsatzbericht Dr. Ulrich Aumann, Akwatia

Mein dritter Einsatz in Ghana führte mich vom 2. bis 27. April nach Akwatia. Mit mir zusammen waren die Augenärztin Dr. Ulrike Lange aus Schweinfurt und der Zahnarzt Dr. Peter Wunderer aus Fischach dort.

Vor zwei Jahren - noch zur Zeit der Speyrer Dominikanerinnen - war ich zusammen mit Dr. Boskamp hier. Kontrastierende Erfahrungen zu Akwatia konnte ich bei zweimaligem Aufenthalt in Dodi Papase/ Volta Region sammeln.
Während in Dodi Papase unter einfachen Bedingungen in einem komfortablen OP gearbeitet wird, steht Akwatia in seinem Anspruch sicherlich in der Riege der Spitzenklini-ken Ghanas, was die Grund- und Regelversorgung anbelangt.

Freilich leidet das Angebot unter dem allgegenwärtigen Mangel an wirtschaftlichen, technischen und – was die langfristige Besetzung von ärztlichen Führungsstellen anbelangt - auch personellem Mangel.
Nach wie vor hat die hiesige Chirurgie den Vorteil eines exzellenten, nimmermüden, bereits seit vielen Jahren hier tätigen Chefarztes Dr. William Ofori- Mante, dessen Ein-tritt in den Ruhestand in naher Zukunft bevorsteht, hat er das in unseren Breiten übliche Pensionierungsalter schon gut überschritten. Derzeit steht ihm nur ein tüchtiger erfahrener Assistent zur Verfügung, ein Arzt der Kinderklinik hilft aus.

Diese Mannschaft leistet ein chirurgisches Pensum der ambulanten und stationären Chirurgie, das neben den uns bekannten Leiden eine für den europäischen Chirurgen überwältigende, nie gesehene Vielfalt beinhaltet, erwähnt seien nur die riesengroßen afrikanischen Hernien, die Häufigkeit der Darmperforationen, die großen Kröpfe, die nur noch süddeutsche Chirurgen der älteren- nun beinahe ausgestorbenen- Riege kennen und weit fortgeschrittene Weichteiltumore, exulcerierende Mammacarcinome und entsetzliche Verstümmelungen der Extremitäten infolge lang dauernder phlegmonöser Entzündung. Vielen der extrem fortgeschrittenen Krankheitsfolgen liegen Armut, weite Wege und Vorbehandlung durch „Heiler“ zugrunde.
Wie in den meisten afrikanischen Krankenhäusern sind auch hier der Unfallchirurgie enge Grenzen gesetzt. Akwatia hat wiederum den Vorteil, dass der leitende Chirurg über eine ausgezeichnete Vorbildung in der konservativen Unfallchirurgie aus Österreich und der Schweiz verfügt. So kann man hier noch ordentliche geschlossene Repositionen mit Gipsbehandlung und gelegentlich die Behandlung mit Extensionen sehen, die nach den Regeln des Altmeisters Lorenz Böhler sorgfältig überwacht werden. Gelenknahe verschobene und kompliziertere Frakturen werden einer Spezialklinik in Koforidua zugewiesen.

Die OP- Räume sind antiquiert und verschachtelt, in Anbetracht hygienischer Anforde-rungen und des operativen Spektrums von Chirurgie und der sehr aktiven Gynäkologie verdiente Akwatia eine Runderneuerung bzw. einen Neubau im Nahbereich der Stationen.
Der OP- Betrieb war mir von früher her bekannt, mit Dr. Mante verbinden mich Gefühle der Freundschaft, der Bewunderung und des allerhöchsten Respektes. So war ich von Anfang an in das Tagesprogramm eingegliedert, wobei ich froh war, dass ich nur auf Station und im OP und nicht in der Ambulanz tätig sein durfte. Die ersten Tage war es noch etwas ruhig, aber dann hatten wir gelegentlich alle Hände voll zu tun.

Am meisten beeindruckten mich die zahlreichen Operationen bei Darmperforationen mit bereits weit bzw. in zwei Fällen weitest fortgeschrittener Bauchfellentzündung. Der Beginn der Erkrankung lag meist drei bis vier Tage zurück, in den zwei genannten Fällen- jeweils junge Männer in vorher gutem Allgemeinzustand- etwa eine Woche. Diese beiden konnten nicht mehr gerettet werden, die anderen „standen“, wie es in der Bibel heißt, „auf und wandelten“, und das nach wenigen Tagen. In Anbetracht dieser und anderer komplizierter Fälle, einschließlich der Unfallpatienten vermisst man die Einrichtung einer Wach- bzw. Intensivstation, die bei einer Neugestaltung des OP- Bereiches mit berücksichtigt werden müsste.

Der Begriff der „psychologischen Zeit Afrikas“, d.h. mangelnder Zeitbegriff und auf gut süddeutsch: „Komm i heut` net, komm`i morgen“, findet in der Chirurgie Akwatias keine Anwendung. Pünktlich um 8:00 Uhr stand alles für die ersten Operationen in zwei Sälen zur Verfügung. Die Wechselzeiten zwischen den einzelnen OPs waren nicht länger als bei „uns zu Hause“. Und die Patienten mussten nicht erst lange von den Stationen bestellt und erwartet werden: Das Bestellsystem war einfach geregelt. Alle zu operierenden Patienten waren bereits im OP Bereich „angeliefert“ und lagen in Wartepositionen- geduldig afrikanisch der Dinge harrend, die ihnen bevorstanden. Die Flachbauweise der Klinik verhinderte den Bau von Aufzügen und so das deutsche Argument: „Wir mußten so lange auf den Aufzug warten“. Zum zügigen OP- Programm passt auch eine genaue Einhaltung der morgendlichen Visitenzeiten und der Nachmittagsvisite zur Überwachung aller frisch operierter Patienten. Als entspannter und an die Gemütlichkeit meines Daseins, mittlerweile seit 2 Jahren, angepasster Rentner wurde ich regelrecht „auf Trab gebracht“.

Neben den renovierungsbedürftigen Räumlichkeiten fiel mir ein erheblicher Nach-rüstungsbedarf an chirurgischen Instrumenten auf. Pinzetten, Scheren und Klemmen, auch selbsthaltende Haken in entsprechenden Containern, also Basisinstrumentarien, auf. Sie verdienten eine Neubeschaffung. An Nahtmaterialien herrscht kein Mangel. Die von mir vor zwei Jahren so sehr kritisierten leicht biegsamen chinesischen Nadeln (für die derbe afrikanische Haut eine Zumutung!) sind nun nach Wechsel des Herstellers deutlich stabiler geworden.
In der Zeit meines Hierseins haben wir etwa 100 Operationen durchgeführt, darunter 15 Operationen der großen Abdominalchirurgie, die man unter europäischen Bedingungen mehrere Tage auf Intensivstation betreut hätte.

Wer die Zeiten der deutschen Schwestern, deren Andenken noch hochgehalten wird, er-lebt hat, neigt dazu, Vergleiche zu ziehen. Die beste Möglichkeit dazu haben die unmittelbaren Mitarbeiterinnen im Konvent. Sie trauern ihren ehemaligen Chefinnen in starkem Maße nach. Auffallend ist ihre deutlich gedämpftere Stimmung bei Anwesenheit der tonangebenden afrikanischen Schwestern.
Die einheimischen Schwestern des Bischofs von Koforidua waren uns gegenüber sehr freundlich. In ihrem Konvent erfuhren wir liebevolle Versorgung. Die Hausdamen Stella, Mercy und Patricia verwöhnten uns mit afrikanischer und europäischer Kochkunst.

Dank sei auch unserem Hausmann Francis im Guest House für seine umsichtige Fürsor-ge gesagt. Unsere Ausflüge nach Cape Coast, in den Regenwald zum Canopy Walkway und in die Akwapim- Berge begleitete der Meisterfahrer und Touristenführer Edward


mit großer Sorgfalt  und gut verständlichem Englisch. Wir waren froh und dankbar, daß er in Kenntnis aller Schlaglöcher und Widrigkeiten ghanaischer Straßen (die von Jahr zu Jahr schlechter werden), uns so gut gefahren hat.

Schließlich und endlich muß ich auch noch von den beiden afrikanischen Hochzeiten be-richten, die Auge, Ohr und vor allem das Herz der europäischen Gäste erfreuten. 

Neben vielen traurigen Erfahrungen mit den armen Patienten haben wir wieder eine überwältigende Gastfreundschaft erfahren und uns als Ärzte nützlich gefühlt.