Einsatzbericht St. Martin's Hospital, Agroyesum

Seit nunmehr vier Jahren in Folge startete ein GRVD-Team aus Neustadt/Weinstrasse im November zu einem medizinischen Hilfseinsatz in Agroyesum, Ghana. Ziel war das St. Martin´s Catholic Hospital 250 km nordwestlich der ghanaischen Hauptstadt Accra.

Die Region ist ländlich geprägt, die Menschen leben unter einfachsten Bedingungen. Dementsprechend ist die medizinische Versorgung nur unzureichend gewährleistet. Ziel der bisherigen Hilfseinsätze war die Verbesserung der regionalen medizinischen Versorgung. Begonnen hat alles ursprünglich mit der Behandlung des endemischen Buruli-Geschwürs, das unbehandelt zu schwerer körperlicher Beeinträchtigung und maligner Entartung führt. Bei verschlepptem Verlauf hilft oft nur eine entstellende Amputation.

In diesem Jahr setzte sich das OP-Team aus drei Chirurgen, zwei Gynäkologinnen, zwei Anästhesisten, zwei OP-Schwestern und zwei Anästhesiepflegern zusammen, mitsamt medizinischem Gerät und Medikamenten für 14 Tage. Geplant waren 10 OP-Tage zu 10-12 Arbeitsstunden in zwei OP-Sälen. Bewusst reisten im Ausland erfahrene Mediziner mit in Afrika erstmals tätigen Kollegen, um spezifische Kenntnisse direkt vor Ort weitergeben zu können. Durch das Einbinden von Fachärztinnen für Gynäkologie kamen wir dem Wunsch des Krankenhauses nach, der weiblichen Bevölkerung qualifizierte Operationsmöglichkeiten anzubieten.

Voraussetzung für eine erfolgreiche chirurgische Versorgung sind nicht zuletzt risikoarme Anästhesieverfahren. Operative und anästhesiologische Sicherheit der Patienten ist eine der wichtigsten Grundsätze unseres Handelns. Hier wurde in den Vorjahren eine hervorragende Aufbauarbeit geleistet. Die anästhesiologischen Narkose- und Überwachungsgeräte sowie die chirurgischen Instrumente haben zu einem bemerkenswerten Standard beigetragen. So sind komplexe, spezialisierte Operationen sicher durchführbar. Seit der Unterstützung durch das deutsche OP-Team zeichnet sich eine enorme Aufwertung in Leistungsangebot und -umfang des Krankenhauses ab. Hilfe zur Selbsthilfe ist entstanden.

Im ersten Jahr der Kooperation war nur tageweise ein Chirurg im Krankenhaus anwesend, der maximal 50 kleinere Operationen im Jahr bewältigen konnte. Inzwischen werden pro Monat bis zu 50 recht aufwendige Operationen durchgeführt und das Krankenhaus wird zur Zeit von zwei, ab dem nächsten Jahr von vier fest angestellten einheimischen Ärzten betreut. Zudem ist das Hospital in das nationale Buruli-Projekt als führende Klinik eingebunden. Dies erklärt auch warum in diesem Jahr weniger Buruli-Patienten durch das deutsche Team behandelt werden mussten. Hier sind die Kollegen vor Ort inzwischen in der Lage, großflächige Wunden chirurgisch-plastisch zu decken. Unser Aufgabengebiet verlagerte sich dementsprechend auf Operationen, die bislang vor Ort noch nicht selbstständig durchgeführt werden können.

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In diesem Jahr wurden 99 Operationen von bis zu vier Stunden Dauer durchgeführt.

Die größte Nachfrage bestand nach Kropf-Operationen, was aus europäischer Sicht erst auf den zweiten Blick zu verstehen ist. Man muss wissen, dass diese enormen Schilddrüsenvergrößerungen in Ghana mangels Spezialisten kaum operiert werden. Ein entstellender Kropf bedeutet für den Betroffenen den Ausschluss aus seinem soziokulturellen Umfeld. In der an Traditionen und Ahnenkulten reichen Region werden die Betroffenen unter anderem als Hexe gebranntmarkt. So kann durch die Struma-Operation den Patienten in der Tat eine familiäre und gesellschaftliche Wiedereinbettung geschenkt werden. Da die chirurgische Entfernung des Kropfes technisch schwierig und komplikationsreich ist, kann sie nur von Spezialisten sicher durchgeführt werden. Diese Spezialisten sind in Ghana rar, sodass die für die Menschen so wichtige operative Versorgung für die einfache Bevölkerung nicht zugängig ist.


Neben der verbesserten Ausstattung hat sich auch das Personal vor Ort fachlich weiterentwickelt. Hier hat sich die personalintensive Konzeption dieser Hilfseinsätze erneut bewährt. Neben den Ärzten ist die Fachpflege fester Bestandteil des Teams. Basierend auf Erkenntnissen des „team building“ in Deutschland können qualitativ hochwertige ärztliche Leistungen nur durch hervorragende pflegerische Assistenz erzielt werden. So war eine Ausbildung durch direkte Anleitung der Mitarbeiter vor Ort erneut möglich. Durch dieses intensive Einbinden der Hilfskräfte in die unmittelbare Patientenversorgung und bedingt durch die außerordentlich hohe Motivation unserer ghanaischen Kollegen gelang es trotz der knappen zwei Wochen, die chirurgische Assistenz von einheimischen OP-Schwestern selbstständig durchzuführen zu lassen.

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Den größten Entwicklungsschritt in den letzen vier Jahren machte die einheimische „Anästhesieabteilung“. Diese wurde inzwischen in die Lage versetzt, selbstständig und auf hohem Sicherheitsniveau, nicht nur erwachsene Patienten anästhesiologisch zu betreuen. Durch das Vermitteln von regionalanästhesiologischen Techniken ist nun auch die Betreuung von Kindern zunehmend sicher und für die Patienten komfortabel möglich. Dies ist ein weiterer Hinweis, dass die Konzeption dieser Hilfseinsätze das erklärte Ziel der „Hilfe zur Selbsthilfe“ erreicht.

Ein ergänzender Schritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit könnte durch die Intensivierung der Betreuung erreicht werden. Wunsch der Krankennhausleitung ist es häufiger, d.h. zweimal pro Jahr ein Team nach Agroyesum zu schicken. Dies könnte die chirurgischen Kollegen vor Ort in die Lage versetzen komplexere Eingriffe, wie z. B. die oben erwähnte Struma-Operation selbstständig und sicher durchzuführen. Durch die regelmäßige Präsenz und das damit zunehmende Verständnis der kulturellen Hintergründe in der Region, könnte der medizinische Bedarf vor Ort noch besser erfasst und verstanden werden, um danach konkrete Konzepte zur Lösung der sozio-medizinischen Probleme zu erarbeiten.Die respektvolle, kooperativ sich integrierende Arbeitsweise des deutschen Teams hat viel Vertrauen wachsen und Freundschaft entstehen lassen. Das deutsche Team wird inzwischen offiziell vom Gesundheitsministerium Ghanas, von der katholischen Kirche als Träger des Krankenhauses und von lokalen traditionellen Königen, den Nanas, akzeptiert und eingeladen.Die trotz widriger Lebensumstände ungebrochene und begeisternde Lebensfreude der Menschen Ghanas ist sehr beeindruckend und ansteckend und lässt so manches mitgebrachte Problem aus der deutschen Heimat in einem anderen Licht erscheinen. Die Teilnehmer des diesjährigen Teams werden das Projekt und die beeindruckend freundlichen Menschen in Agroyesum weiter aktiv unterstützen.


Dr. med. Michael Hatzenbühler
Neustadt/Wstr. den 17.12.2009